1914 - 2014

100 Jahre Haus Kellenberg




Das Haus "Kellenberg"


Eine Anstalt für verwahrloste Kinder

 

Im „Thörenwinkel“ heißt die Feldflur in Markendorf am südlichen Rande des Bergwaldes, in der das nach der benachbarten Bergkuppe benannte Haus „Kellenberg“ steht. Von hier aus schaut man auf eine schöne und wechselvolle Landschaft, auf fruchtbare Äcker, Wiesen und Wälder, durchsetzt mit kleinen oder größeren Gehöften.

 

Es war ein Angebot des damaligen Fleischwarenfabrikanten Fritz Kamping in Buer an den Leiter des Erziehungsheimes „Hünenburg“ in Krukum, Hausvater Ferdinand Rhode. Kamping bot 1914 an, dem Erziehungsheim „von Todes wegen ein Berggrundstück am Großen Kellenberg in Markendorf in einer Größe von 17,5 ha mit gutem Holzbestand“ zu schenken. Hausvater Rhode war über das Angebot sehr erfreut und schrieb an Fritz Kamping, dass er „die Schenkung zur Ehre Gottes, zum Wohle der Kinder und damit im Sinne des Erblassers nutzen werde“.

 

Wohltäter der Gemeinde

Fritz Kamping (1847–1922) war ein angesehener Fleischwarenfabrikant, der vielen Bueranern Arbeit und Brot gab, eine christlich und sozial geprägte Lebensauffassung hatte und bedeutende Spenden für kommunale und kirchliche Zwecke leistete. In einer Chronik von Buer wird er als „Wohltäter unserer Gemeinde“ bezeichnet. Gegenwärtig tragen der „Kampingring“ und ein Altenheim seinen Namen. Jedoch konnte Kampings Angebot einige Jahre wegen des 1. Weltkrieges nicht verwirklicht werden.

 

Das Erziehungsheim „Hünenburg“ in der ehemaligen Gemeinde Krukum, eine „Anstalt für verwahrloste oder in der Gefahr der Verwahrlosung stehende Kinder“, auch „Rettungshaus“ genannt, wurde 1853 gegründet. Das Landesdirektorium der Provinz Hannover plante schon lange, ein Erholungsheim für Fürsorgekinder einzurichten. Es wandte sich im Winter 1917/18 an den Vorstand der Hünenburg mit dem Ansinnen, er möge ein Erholungsheim in Verbindung mit dem bestehenden Erziehungsheim im Raum Melle einrichten.

 

Daraufhin besann sich Hausvater Rhode wieder auf Kampings Angebot. Der wollte zwar nicht mehr die ursprüngliche Waldfläche an die Hünenburg spenden, aber immerhin noch sieben Hektar Bergwald am Südwesthange des Kellenberges. Durch Kampings Vermittlung konnte der Vorstand der Hünenburg am 9. September 1918 von den beiden Neubauern Heinrich und Karl Scholle einen am Rande des Bergwaldes gelegenen Doppelkotten zum Preise von 5600 Mark erwerben. Den Kaufpreis zahlte Kamping.

 

Um Spenden gebeten

Zunächst konnte nur die westliche Hälfte des Doppelkottens umgebaut werden. Die Diele wurde als Speisesaal und Spielraum eingerichtet, der darüber befindliche Dachboden zum Schlafsaal ausgebaut. Die Umbauarbeiten dauerten über ein Jahr. Für die Anschaffung des Mobiliars wurden die Gemeindemitglieder des Kirchenkreises Buer gebeten, gebrauchtes Mobiliar zu spenden.


Wegen seiner abseitigen Lage hatte das Haus keinen Stromanschluss. Beleuchtet wurden die Räume mit Petroleumlampen. Es gab auch noch keine Hauswasserversorgung. Das Wasser wurde mit Eimer aus dem Brunnen auf dem Hofe gefördert. Am 1. Juli 1920 konnte das Heim endlich eröffnet werden, zunächst mit 20 Kindern, als Zweiganstalt des „Rettungshauses Hünenburg“.

 

Mit nimmermüder Hingabe zum Wohle der Kinder gewirkt

 

Die Leitung wurde einer Schwester des Henriettenstifts Hannover, Emma Wetcke, übertragen. Es stellte sich bald heraus, dass es wegen des abgelegenen Standorts und der Bewirtschaftung des Gartens und des angrenzenden Waldes wünschenswert war, „die Leitung männlichen Händen anzuvertrauen“. Deshalb ernannte der Hausvorstand das dort tätige Diakonenehepaar Melanie und Konrad Piper ab 1. Juli 1921 zu Hauseltern des Erholungsheims.

 

Widrige Umstände

Das Hauselternpaar Piper hat im Haus „Kellenberg“ unter oft widrigen Umständen mit großem Arbeitsaufwand und nimmermüder Hingabe zum Wohle der Kinder segensreich gewirkt, Konrad Piper bis zu seinem Tod am 26. November 1934. Danach hat Melanie Piper das Haus bis zum 28. Februar 1952 allein weitergeführt, auch den Garten allein bewirtschaftet.

 

Erst in 1926, als die Familie Scholle aus dem Ostteil des Hauses ausgezogen war, war es möglich, das gesamte Haus als Kinderheim zu nutzen. Das Haus wurde an die öffentliche Stromversorgung angeschlossen und erhielt eine elektrisch betriebene Hauswasserversorgung. Im Jahr 1929 wurde eine Koks-Zentralheizung eingebaut. Welch ein Fortschritt! Nunmehr herrschte im Haus eine angenehme Wohnatmosphäre. Alle Räume waren wohltemperiert und hell beleuchtet. Zwischen 25 und 30 Kinder konnte das Heim damals unterbringen.

 

Über das tägliche Leben im Heim hat die inzwischen verstorbene Tochter des Ehepaares Piper, Gretlies Bruch, in einem ausführlichen Gespräch berichtet: Das Haus Kellenberg war das einzige Erholungsheim für Fürsorgekinder in der Provinz Hannover. Die Kinder kamen aus Erziehungs- und Fürsorgeanstalten der gesamten Provinz. Die schwächlichen oder kranken Kinder sollten hier in der gesunden Waldluft des Kellenbergs während der Kuren von vier oder sechs Wochen „an Leib und Seele gesunden“. Durch eine gute Hausmannskost sollten sie an Gewicht zunehmen und wieder rote Wangen bekommen. Sie sollten außerdem gute Umgangsformen kennenlernen, das Leben in der Gemeinschaft einer Großfamilie erfahren und christlich erzogen werden.

 

Die Kinder im Heim ärztlich betreut und erhielten medizinische Bäder, zubereitet mit entsprechendem Badesalz. Auch wurden längere Wanderungen durch die nahen Wälder unternommen, Geländespiele veranstaltet oder Ball- und Kreisspiele auf der nahen hauseigenen Wiese organisiert. Abends wurde im Heim gesungen, oder es wurden Geschichten vorgelesen.

 

Weniger Kinder zu Gast

Während das Heim in den ersten zehn Jahren immer voll belegt war, wurde ab 1929 von einem erheblichen Rückgang der Kinderzahlen berichtet. Als Folge der wirtschaftlichen Rezession wurden alle staatlichen Zuschüsse für die Erholungsfürsorge gestrichen. Ab 1930 schickten die staatlichen Fürsorgestellen schließlich keine Kinder zur Erholung mehr zum Kellenberg. Um zu überleben und das Haus zu erhalten, bemühten sich die Hauseltern um zusätzliche Belegungen von privater Seite. Einige Monate später, im Sommer 1933, war ein freiwilliger „Evangelischer weiblicher Arbeitsdienst“ im Haus „Kellenberg“ untergebracht.

 

Auch in der Nazizeit steht das Christen-Kreuz

 

Nach dem Abzug des „Weiblichen Arbeitsdienstes“ zum Werscher Berg“ im Herbst 1933 stand das gesamte Haus "Kellenberg" zunächst leer. Zu diesem Zeitpunkt bot der damalige NSDAP-Kreisleiter Helmut Seidel im Auftrage der Gauleitung Weser-Ems in Oldenburg an, im Haus "Kellenberg" eine NSDAP-Führerschule einzurichten. Die Verhandlungen kamen nicht zum Abschluss, weil die Partei in Bad Essen ein günstigeres Angebot bekam. Die Parteileitung veranlasste aber, dass im Haus "Kellenberg" wieder ein Kindererholungsheim unter der Leitung der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) eingerichtet wurde.

 

NSDAP-Mitglied werden

Die leitende Hausmutter Melanie Piper wurde vom Vorsitzenden der Stiftung Hünenburg gebeten, doch Mitglied der NSDAP zu werden, um gegenüber der Partei ein akzeptabler Verhandlungspartner der kirchlichen Einrichtung zu sein. Das Haus wurde an die NSV verpachtet. Es wurde im Vertrag vereinbart, dass entsprechend dem Sinne der Stiftung bei dem Betrieb des Heimes nichts geschieht, was mit einer christlichen Hausordnung unvereinbar war. Deshalb durfte auch das christliche Kreuz auf der Giebelspitze des Hauses stehen bleiben. Es wurde erst nach dem Ausscheiden von Hausmutter Piper im Jahre 1952 ohne Grund entfernt.

 

Heimleiterin abgesetzt

Melanie Piper, die nach dem Tode ihres Mannes das Haus allein führte, begründete ein Arbeitsverhältnis mit der NSV. Im Jahre 1935 wurde Hausmutter Piper, die ihre christliche Lebensauffassung auch in dieser nicht einfachen Zeit an die ihr anvertrauten Kinder weitergegeben hatte, aus weltanschaulichen Gründen als Heimleiterin abgesetzt, jedoch als Wirtschaftsleiterin weiterbeschäftigt. Wegen der Personalnot im Kriegsjahre 1943 war man wieder auf sie angewiesen, sodass sie wieder als Heimleiterin eingesetzt wurde.

 

Im Herbst 1938 wohnten einige Zeit Mütter mit Kleinkindern aus dem Sudetenland im Hause Kellenberg. Es waren Flüchtlinge, die ihre Heimat wegen der politischen Krise im Sudetenland und der drohenden Kriegsgefahr vorübergehend verlassen hatten.

 

Frauen verborgen

Auch während des 2. Weltkrieges wurden im Heim Kinderkuren durchgeführt – bis 1944. In diesem Jahr wohnten aus Osnabrück evakuierte Kleinkinder eines ausgebombten Kindergartens nebst Leiterin im Heim. Kurz vor Kriegsende verfügte die Kreisleitung der NSDAP in Melle die Unterbringung von fünf schwangeren Frauen mit zehn Kleinkindern – Frauen mit enger Verbindung zur NSDAP, die vor den amerikanischen und englischen Truppen verborgen werden sollten.

 

Grundlegende Renovierungen - nach dem Krieg

 

Nach dem Kriegsende im Jahre 1945 wurden unterernährte und schwächliche Kleinkinder von zwei bis sechs Jahren von diversen Jugendämtern an den Kellenberg überwiesen. Als diese Kinder schulpflichtig wurden, übernahm sie das Haupthaus Hünenburg in Krukum. Dann schickten staatliche Fürsorgestellen und Wohlfahrtsverbände wieder Kinder zur Erholung zum Haus "Kellenberg". Sie kamen vorwiegend aus einigen Großstädten des Ruhrgebietes und blieben meistens vier bis sechs Wochen. Die nicht staatliche, christliche Betreuung oblag nunmehr der inzwischen wieder gegründeten „Inneren Mission“, die ihr Symbol am Hause anbringen ließ.

 

Am 29. Februar 1952 legte Hausmutter Melanie Piper, die das Heim über dreißig Jahre lang vorbildlich betreut hatte, ihre Aufgaben „in jüngere Hände“. Der Vorstand der Hünenburg beauftragte das Ehepaar Waltraud und Alexander Bollenberg mit Wirkung vom 1. März 1952 mit der Leitung des Hauses "Kellenberg". Es wurden bald grundlegende Renovierungen und Verbesserungen am Haus vorgenommen, soweit die finanziellen Mittel reichten, so zum Beispiel auch der Neubau eines Brunnens, die Einrichtung einer Waschküche und die Modernisierung der getrennten Sanitäranlagen für Jungen und Mädchen. Erneuert wurde der schadhafte Westgiebel (Wetterseite) und mit einer Fluchttreppe versehen. Neu gebaut wurden die Nordgauben und die Fußböden im Dachgeschoss erneuert. Im Jahre 1954 wurde die Zentralheizung auf Heizölbetrieb umgestellt. Auch der Garten wurde völlig neu gestaltet. Die räumliche Kapazität wurde bis zum äußersten ausgenutzt. Zeitweilig wohnten an die sechzig Kinder zur Erholung im Heim.

 

Im Jahre 1967 wurde der Betrieb als Kindererholungsheim eingestellt. Nunmehr richtete die Hünenburg dort eine Außenstelle ein und brachte bis zu 16 in Fürsorgeerziehung befindliche Jungen unter. Mit der Leitung der Außenstelle wurde der Erzieher Werner Meyerdrees beauftragt. 1977 gab die Hünenburg ihre Außenstelle im Kellenberg auf. Der Vorstand wollte sich endgültig vom Haus „Kellenberg“ trennen. Bis zu einer anderweitigen Verwendung überließ es der Vorsteher Pastor Rettberg aber dem Kirchenkreisjugendkonvent für Begegnungen und Mitarbeiterfreizeiten.

 

Wegen des schon seinerzeit geplanten Verkaufs war diese Nutzung deshalb eigentlich auch nur vorübergehend vorgesehen. Aber als beliebtes Freizeitheim überdauerte das Gebäude dann doch noch bis zum Jahr 2012. Erst danach fiel es zurück in die Verantwortung der Stiftung. Im Jahr 2013 wurde der Verkauf des Hauses "Kellenberg" an eine Frau, deren Mann auf einem abgelegenen Bauernhof in Buer eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung betreibt, beurkundet, Anfang 2014 wurde das Anwesen dann endgültig übergeben, so dass die Arbeit für Kinder und Jugendliche fortgesetzt werden kann.

 

Die Chronik des Hauses "Kellenberg" erschien unter der Rubrik "Meller Geschichte(n)" in mehreren Teilen im "Meller Kreisblatt" (20.12.2013 - 10.01.2014). Unser Dank gilt dem "Meller Kreisblatt" für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.





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