"Das Wesen ist die Wandlung"

Die Geschichte der Ev.-luth. Stiftung Hünenburg




"Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht." (Mt. 19,14)


Unter diesem biblischen Leitspruch gründeten einige Bauern der Umgebung vor nunmehr 160 Jahren die Riemsloher Einrichtung, die sich als Kinder- und Jugendhilfe Hünenburg bis heute den Belangen junger Menschen widmet. Die Not der Kinder, die von Hunger und Armut getrieben, verwaist und zerlumpt durch die Straßen zogen, bewegte sieben glaubensstarke Männer, ihnen mit einem „Rettungshaus“ Zuflucht und Heimstatt zu geben. Mit Gebet und Entschlossenheit hielten der Gastwirt Biewener aus Hoyel, Lehrer Stoppenbrink aus Bennien, die Kolonen Aring aus Düingdorf, Hellmann und Grothaus aus Bennien, Unnerstall aus Krukum und Schwarte aus Hoyel an ihrem Unterfangen fest. Finanzielle Mittel standen nicht zur Verfügung, dennoch erwarben sie am 8. März 1851 für 1.860 Taler Courant die Ortmeyersche Markkötterei.

 

Schon ein Jahr später konnte Heuerling Klausmeyer als Verwalter auf dem Kotten einziehen und bald den ersten Jungen zur Pflege aufnehmen. Als Kolon Grothaus sich ein Jahr später entschied, sein Fachwerkhaus in Bennien abzureißen und ein neues Wohnhaus zu errichten, stellte er die schweren Eichenbalken des Fachwerks für den Neubau eines Rettungshauses zur Verfügung. Ein Steinbruch in der Nähe der Ortmeyerschen Markkötterei lieferte zusätzliches Material, so dass im September 1853 der Grundstein gelegt werden konnte. Erst drei Jahre später war der Bau fertiggestellt, die ersten elf Kinder zogen ein. Gingen sie zunächst noch in Riemsloh zur Schule, so war mit dem Lehrer Hermann heinrich Stoppenbrink wenige Jahre später ein neuer Heimvater gefunden, der zugleich die erste Heimschule eröffnete.

 

Eine eigene Satzung ebnete den Weg, das „Rettungshaus auf der Hünenburg“ am 24. November 1857 als Person juristischen rechts anerkennen und das Heim damit selbständig werden zu lassen. Ziel der Arbeit war und blieb es, verwahrlosten Kindern ein Zuhause und eine christliche Erziehung zu bieten. Die Resonanz war groß, und so wurden schon bald Erweiterungsbauten nötig. Ein neues Wirtschaftsgebäude wurde 1870 errichtet, der Bau eines kleinen Schulhauses begann 1887. Fünf Jahre später betreute das Heim 40 Jungen und Mädchen unter der Leitung des Riemsloher Lehrers Jürgenpott. Das jährliche Kostgeld von 90 Reichsmark für jedes Kind konnte nicht einmal die Kirchengemeinde abdecken, die mit Kollekten für die Hünenburg eintrat. Viele Bürger zeigten ihre Verbundenheit mit dem Haus, indem sie ihre Spargroschen opferten, für die Kinder an Webstuhl und Spinnrad saßen.

 

Mit dem Ausscheiden Jürgenpotts im Jahre 1897 berief der Vorstand Ferdinand Rohde, den späteren Namensgeber der einrichtungsinternen Schule, als Hausvater und Lehrer auf der Hünenburg. Das Fürsorgeerziehungsgesetz von 1900 ließ die Zahl der betreuten Kinder in den folgenden Jahren weiter wachsen. 75 Jungen und Mädchen waren es bereits 1905, darunter auch noch nicht schulpflichtige Kinder. Mit der steigenden Zahl der betreuten Kinder erweiterte das Heim auch seinen landwirtschaftlichen Betrieb. Grundstücke wurden gekauft, Waldparzellen gerodet, Ödland kultiviert. Einen willkommenen Zuwachs bedeutete dabei das Kinderheim Kellenberg in Buer, das Fabrikant Kamping zum Ende des ersten Weltkrieges der Hünenburg vermachte.

 

Starke Einschränkungen der öffentlichen Erziehungshilfe seit 1929 brachten jedoch in den Folgejahren die Arbeit auf der Hünenburg fast zum Erliegen. Nur noch zwanzig Kinder lebten 1932 in der Einrichtung, bevor als neuer Hausvater August Krüger in engagierte Verhandlungen mit den Landesjugendämtern eintrat. Mit Erfolg: Bereits 1937 war das Heim mit 112 Kindern wieder belegt.


Die enge Verbindung zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde blieb seit der Gründung des Hauses bestehen. So sieht die Satzung der „Evangelisch-lutherischen Stiftung Hünenburg“, die 1964 an die Stelle der Statuten von 1857 trat, vor, dass der Superintendent des Kirchenkreises kraft seines Amtes dem Vorstand der Stiftung angehört. Der christliche Glaube, für die Gründerväter Ausgangspunkt und Grundlage ihres Engagements, bildet bis heute das Fundament der Arbeit auf der Hünenburg.


Die Zeit des Nationalsozialismus

"Der Gerechte hält fest an seinem Weg." (Hiob 17,9)


In eine Zerreißprobe sah sich die 1927 in „Erziehungsheim Hünenburg“ umbenannte Einrichtung in der Zeit des Nationalsozialismus gestellt. Mit der Einführung des Landjahres kamen Anfang der 30er Jahre erstmals Jugendliche unter nationalsozialistischer Leitung zur Erholung und „Ertüchtigung“ auf die Hünenburg. Im Rahmen eines Vertrages stellte das Heim seine entbehrlichen Räume für die Zwecke des Landjahres zur Verfügung, um, wie die Vorstandsmitglieder erklärten, „über seine eigentliche Aufgabe hinaus auch der aus normalen Verhältnissen kommenden Jugend im Landjahr dienen“ zu können.

 

Doch schon bald zeigte die Entwicklung, dass an ein zufrieden stellendes Nebeneinander nicht zu denken war. Am 30. Oktober 1934 kündigte der Regierungspräsident in Osnabrück an, das Vertragsverhältnis auf geänderter Grundlage zu erneuern. Ziel war es, die gesamte Einrichtung in den Dienst des Landjahres zu nehmen. Vehement wehrte sich der Vorstand der Hünenburg gegen dieses Ansinnen. Es gelte, bemerkten die Mitglieder, „das Heim seiner Bestimmung zu erhalten, solange es verwahrloste Jugend in Deutschland gibt, über den christlichen Geist des Hauses zu wachen und das Vermögen bestimmungsgemäß zu verwalten.“

 

Deutlich sprachen sich die Vorstandsmitglieder in ihrer Denkschrift an den Regierungspräsidenten für das Christentum als eine „Quelle des Lebens“ aus, die seit der Gründerzeit das Leben auf der Hünenburg geprägt habe. Um so schmerzlicher vermerkten sie die von den Leitern des Landjahres ausgehenden gegenläufigen Tendenzen. So sei ein im Esssaal angebrachtes Christusbild kommentarlos beiseite geschafft worden. Der Saal, vom Erziehungsheim bis dahin zugleich als Andachtsraum genutzt, wurde unter „NS-Leitung“ zum Schauplatz lautstarker Tanzveranstaltungen. Die Kritik des Vorstandes wies Landjahr-Leiter Hof mit der Bemerkung ab: „Wir sind keineswegs als Gäste hier!“

 

Die fortgesetzte Missachtung christlicher und bäuerlich verwurzelter Grundhaltungen durch die Verantwortlichen des Landjahres veranlassten den Vorstand zu deutlichen Worten: „Wir sehen uns nicht in der Lage, dem Abschluss eines neuen Vertragsverhältnisses überhaupt nur näher zu treten.“ Ziel der Bemühungen war es vielmehr, das väterliche Erbe zu erhalten und dem stiftungsgemäßen Zweck entsprechend die Arbeit an den bedürftigen Kindern und Jugendlichen fortzusetzen.

 

Diese musste im Jahre 1938 erneut um ihren Bestand fürchten. Ein Schreiben des Oberpräsidenten von Hannover forderte den Vorstand auf, das Heim im Rahmen eines Pachtvertrages der „öffentlichen Hand“ zu übergeben. Geplant war, die konfessionelle Heimerziehung durch eine nationalsozialistisch geprägte, kommunale zu ersetzen. Trotz der bei einer Ablehnung des Pachtvertrages drohenden Enteignung zeigte der Vorstand der Hünenburg eine entschlossene Haltung. So sei man durch die Statuten der Gründer, die eine christliche Erziehung vorsähen, gehindert, das gewünschte Pachtangebot zu machen.

 

Unterstützung erhielten die Vorstandsmitglieder in ihrem Kampf vom Hannoverschen Landesbischof Marahrens. Dem zuständigen Landeshauptmann schrieb Marahrens am 25. November 1938: „Die Hünenburg ist ... so fest mit den sie umgebenden Kirchengemeinden verwachsen, dass es in diesen Gemeinden nicht verstanden würde, wenn ihre Verwaltung der kirchlichen Hand entzogen werden sollte.“ Die massiven Einwände verschafften dem Vorstand einen Aufschub bis zum Frühjahr 1941. Am 28. März kündigte die Provinzialverwaltung in Hannover den Erziehungsvertrag mit der Hünenburg, drohte im August die Beschlagnahmung des Heims für die Unterbringung von Kleinkindern an. Mit dem Rücken zur Wand willigte die Hünenburg in den Abschluß eines Pachtvertrages ein. Doch die Unterzeichnung sollte nicht mehr zustande kommen. Mit Rücksicht auf die kriegsbedingten personellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurde der Vertragsabschluß immer wieder hinausgeschoben. Das Heim konnte seinen christlichen Dienst fortsetzen.



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